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Unterscheidungen.

Kategorie: Zweiundvierzig

Eine Art Tagebuch.

Erklärts mir bitte.

Ministerpräsidentenkonferenz. Bayerns MP und Möchtegernkanzler appeliert: Fahren Sie nicht in Risikogebiete. Machen Sie Urlaub im schönen Deutschland. Als Ossi frag ich mich, wohin? Ostsee waren dieses Jahr schon 5 Tage, kurzfristig ein bezahlbares Quartier ist nicht zu bekommen. Elbsandsteingebirge, immer wieder schön, ich kenne es aber auswendig und muss dringend mal ein ganzes Stück weiter weg. Während Söder also für den Urlaub in Deutschland – vermutlich meint er Bayern – wirbt, lässt der kleine Bruder, der MP von Sachsen, auf Twitter stolz-trotzig verkünden: es gäbe keine neuen Einschränkungen. Im Gegenteil. Pfeifen wir auf den bevorstehenden infektionsgeschehensbedingten Notstand beim Nachbarn, 48 Stunden Zeit zum Shoppen ohne Quarantäne. Der tschechische Nachbar wohlgemerkt. Mit Österreich spielen wir Risikogebietspuzzle. Tirol ist Risikogebiet, egal ob Innsbruck oder Landeck mit deutlich steigenden Zahlen oder eben Reutte mit verschwindend geringen Zahlen, nahezu sächsischen Verhältnissen genaugenommen. Quarantäne oder Test bei Heimkehr. Übernachten in Pfronten oder Füssen und Wandern jenseits der Grenze ist wieder quarantänekonsequenzfrei. Zu wenige handeln eigenverantwortlich, das zeigt der Alltag. Verantwortungsvolles Handeln setzt aber (kleiner Tipp: Kohlberg und Moral) Verstehen voraus. Die fehlende Logik der Coronapolitik macht es schwer.

Fouls

Wie spannend. Mehrere Artikel in der Tagespresse haben etwas zum Inhalt, was für die derzeitige Situation in irgend einer Weise symptomatisch ist. Aufregung. Aufregung um: ein Wahlergebnis. Eine Fraktion bezichtigt andere Fraktionen des Wortbruchs. Nämliches Wahlergebnis war eben nicht eindeutig und zwar nur (!) in der Weise, dass offenbar nicht alle Mitglieder der Fraktionen, die etwas miteinander vereinbart haben, gleich abstimmten. Das Ergebnis aber ist dasselbe, ob man nun mit einer Stimme Mehrheit oder zehn Stimmen – es ist so egal. Wenn man in der Lage ist, souverän damit umzugehen. Das aber ist die sich aufregende Fraktion wohl nicht. Am meisten schadet sie sich selbst. Nicht denen, die sie kritisiert. Wie macht man sich am besten lächerlich und gibt – mit Verlaub – ein hochgradig bescheidenes Vorbild ab.

Schlimmer scheint mir jedoch: Das Amt, um das es geht, das konkrete und das Amt als Kategorie, wird so in seiner Rolle und Bedeutung beschädigt. Die amtsinhabende Person soll einen Geschäftsbereich einer Stadtverwaltung in Vertretung die jeweilige das Oberbürgermeister*innenamt inhabende Person leiten. Führungspersönlichkeiten sollen es sein, von denen die zu leitende Verwaltung nicht sagt „is eh wurscht, wer da sitzt. Die haben sowieso keine Ahnung, nur das richtige Parteibuch.“

Anfang.

Das Netzwerk mit dem blauen f, auch Rentnertreff genannt, die jüngere Generation gibt sich damit nicht mehr ab, um so erstaunlicher, mit welcher Akribie an den Facebookauftritten – diese Wortschöpfung ist in sich schon absurd – politischer Parteien und zum Beispiel auch Fraktionen gefeilt wird. Jeder Post mit einem Beitragsbild versehen, der irgendwie schon vermittelt, die Followerschaft ist mindestens reif für die Geriatrie, wenigstens jedoch maximal begriffsstutzig. Immer wichtig: Wer meint, was zu sagen zu haben, das muss natürlich vermittelt werden – mittels eines Porträts im Beitragsbild. Das Betrachten des Porträts bereitet Nackenschmerzen, ich kann auch Menschen mit Stimmbeschweren nur schwer zuhören, ohne selbst ein Missempfinden in der Kehlkopfgegend zu verspüren.

Beim Durchscrollen meiner …Dings (heißt das noch Timeline?) musste ich angesichts eines neuerlichen Beitrags- Thema wieder irgendwas mit Chaos, musste ich lachen. Nun, aus der Sicht eines jungend Menschen gehe ich schnurstracks auf die Rente zu, da ist ein unkoordiniertes Loslachen möglicherweise entschuldbar, der Verfall schreitet halt hinfort. Vor einiger Zeit habe ich mich tatsächlich noch geärgert beim Lesen dieser Beiträge, die sich alle so erschreckend ähneln und so furchtbar unoriginell sind. Stadtrat stellt irgendeinen Missstand fest, Stadträte stellen IMMER Missstände fest, mindestens hat irgendwer Chaos verursacht, in welches der Stadtrat Ordnung hineinfordert. Nicht bringt natürlich. Es ist immer wieder dasselbe Schema und mich wundert, dass es noch niemandem aufgefallen ist. Was möglicherweise daran liegt, dass es da draußen, in der echten Welt, in beispielsweise die beklatschten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines stätischen Gemischtwarenladens sich zwar vom Klatschen nichts kaufen können, aber das zweifelhafte Privileg genießen, an einem Arbeitstag zwischen Neu- und Friedrichstadt hin- und herzupendeln, niemanden solche Facebook-Posts interessieren.

Nun. In ebendiesem Gemischtwarenladen (kurioserweise erlaubt sich diese Bezeichnung bei der Universitätsklinik niemand) hatte ich kürzlich Anlass und Gelegenheit, zu lesen und meine Wahl fiel auf „Arbeit und Struktur“. Vielleicht nicht die geeignetste Lektüre für einen Krankheitsaufenthalt, aber sie hat offenbar gewirkt. ich musste über den Facebook-Post lachen.

Schutzschild für Deutschland – ihr habt da was vergessen

Die Bundesregierung hat das „größte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik“ beschlossen, mit dem die Auswirkungen der Corona-Pandemie bewältigt werden sollen. Verdienstausfälle, die sich aus dem Schul-und Kitaschließungen ergeben, sollen aufgefangen werden, der Zugang zum Kinderzuschlag erleichtert, ebenso für soziale Leistungen. Kleine Unternehmen, Selbständige, Freiberufler erhalten Unterstützung. Das gilt auch für die Kultur und Kreative https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/hilfen-fuer-kuenstler-und-kreative-1732438. Für soziale Dienstleister gilt der Sicherstellungsauftrag der öffentlichen Hand https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Informationen-Corona/sozialschutz-paket.html .

Wer aber in all den Hilfspaketen vergessen wurde, sind die Studierenden. Nicht alle Studierenden beziehen BAföG, wofür die Fortzahlung zugesichert werden soll. Viele, sehr viele Studierende sind darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in dem sie neben den Studium arbeiten – und sie sind günstige Arbeitskräfte. Sie haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, meist keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Und sie haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen, wenn der Job weg ist. So manches Unternehmen ob nun in der Gastronomie, im Einzelhandel, in der IT-Branche, die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Viele dieser Jobs können aufgrund der Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes nicht mehr ausgeübt werden. Das heißt, Studierende stehen – genauso wie viele andere auch, vor der Frage wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Ohne Anspruch auf Kurzarbeitergeld, ohne Anspruch auf Sozialleistungen.

Deutschland hat eine ganze Menge Kraft hineingesteckt, den Anteil der Studierenden, die aus weniger einkommensstarken Haushalten kommen, zu erhöhen. Das hat funktioniert. Dass die BAföG-Regelungen verbesserungswürdig ist hinlänglich bekannt. Das betrifft Einkommensgrenzen, das betrifft BAföG-Sätze. Universitätsstädte sind auch meist wirtschaftlich attraktiv, die Lebenshaltungskosten entsprechend. Die Argumentation, die Eltern sollten doch hier einspringen, ist etwas zu kurz gedacht. Die meisten werden das ohnehin schon tun, aber Corona macht auch vor den Auswirkungen von Eltern von Studierenden nicht halt.

Nun. Es ist nicht Ziel der Übung, Existenzfragen gegeneinander aufzuwiegen. Aber: Es wurde einfach mal eine sicherlich nicht kleine Gruppe an Betroffenen vergessen. Sollen sie doch in die Ernte, sollen sie sich einen anderen Job suchen, man hört die verschiedensten Gegenargumente und teilweise schon irrige Vorstellungen. Also: die primäre Aufgabe der Studierenden ist es: das Studium zu absolvieren und zwar zügig und möglichst ohne Verzögerungen. Ein Job ist keine Ausrede, ein Vollzeitstudium heißt nicht aus Spaß Vollzeit-Studium.

Die schöne neue Welt des Homeoffice

Eine Woche im Homeoffice. Dienstlich notwendig die Befassung mit Coronavirus, Covid-19, SARS-CoV-2, meine Filterblase in den sozialen Netzwerken hat verständlicherweise auch kein anderes Thema. Homeoffice ist nicht nur schön, noch lange nicht ist es wirklich etabliert und akzeptiert, oft gilts noch als eine Art Urlaub in Schreibtischnähe. Oder so. Mitnichten ist das so, das Abschalten funktioniert überhaupt nicht und das Hirn scheint sich mit all seiner Autonomie dagegen zu wehren und man ist dann doch irgendwie mit dem Hirn und sich alleine.

Es hätten andere Themen die Tagesordnung bestimmen sollen. Bildungsungleichheit zum Beispiel und auf einmal waren die Schulen zu. Systemrelevanz oder betriebsnotwendig – sind Bildungswissenschaftler systemrelevant oder betriebsnotwendig? Hat das eigentlich irgend einen Sinn, was man tut? Die Frage tut sich auf angesichts derer, die im Gesundheitswesen gegen Mangel und um die Gesundheit von Patienten kämpfen, diejenigen, die sich von unausgelasteten Riesenhamstern im Wettlauf um die letzte Palette Nudeln und Klopapier oder die größte Kettensäge umrennen lassen müssen. Und und und. Systemrelevant. Berechtigt zur Notbetreuung der Kinder. Aber nur, wenn beide Elternteile systemrelevante Berufe haben. So schrieb es zumindest die Allgemeinverfügung im Freistaate Sachsen vor. Völlig unvorhersehbar musste man aber feststellen – systemrelevant für die Gesellschaft ist nicht unbedingt betriebsnotwendig für die Familie. Familien entschieden sich, der Hauptverdiener geht arbeiten. Welch Überraschung. Da hatte man wohl einige Faktoren nicht mit bedacht. Nicht mitbedacht wird wohl auch, ist zumindest zu befürchten beim Homeschoolinghype, dass da nicht nur Linus, Laura und Malte mit den Eltern gemeinsam am Rechner auf der Dachterrasse fröhlich lernend beieinander sitzen, sondern dass es auch Familien gibt, Kinder gibt, deren Umfeld so gar nicht in das Idealbild unserer schönen neuen digitalen Welt passen. Und vermutlich werden, wenn irgendwann einmal wieder sowas wie Normalität eingekehrt sein wird, die Bildungsungleichheiten noch ein bisschen größer sein und wahrscheinlich nicht mehr so ganz viel Aufmerksamkeit bekommen, weil vielleicht andere Probleme größer sind. Vielleicht müssen sich dann auch die Unternehmen nicht mehr kritisch fragen lassen, warum sie Hauptschüler trotz fehlenden Nachwuchses nicht so gern einstellen, vielleicht spielt der Anteil der Schüler*innen ohne Abschluss dann nicht mehr so eine große Rolle weil wieder mehr humane Ressourcen freigesetzt wurden. Vielleicht gibt es dann auch wieder genug Sozialpädagogen auf dem Arbeitsmarkt. weil die öffentlichen Haushalte in Schieflage geraten sind. Früher mal vor langer Zeit hatte ich mal was mit kommunalen Finanzen zu tun, dank Fernstudium gerade wieder und meine Skepsis ob der vielen Versprechen, wer alles mit viel Geld gerettet werden soll, wächst zusehends. Meine Filterblase ist zuweilen verstörend weit weg von den Welten, in denen Menschen Angst vor Kurzarbeit haben, die Existenzängste haben, die von heute auf morgen nicht mehr wissen wo das Einkommen herkommen soll. Es gibt gute Argumente für alle diese Maßnahmen, aber für die Tatsache, dass es ein Szenario, wie wir es heute erleben, seit sieben Jahren gibt, wirken sie seltsam unvorbereitet und unabgestimmt. Und dank zweier Expertinnen in Sachen Statistik sensibilisiert, ärgere ich mich über die Art, wie wir momentan mit Zahlen umgehen. Eine statistische Zahl ohne eine Bezugsgrößen sagt im Grunde nichts weiter aus, als dass es sie gibt. Und das ist nun wiederum fatal.

#Füßewettbewerb;

der. Die Erfindung einer Grundschule in Bayern, in einer Kleinstadt in der Nähe von Ulm. Jedes Kind, das seinen Schulweg aus eigener Kraft bewältigt, also nicht von den Eltern chauffiert wird, sondern läuft oder radelt, darf am betreffenden Tag ein paar Füße ausmalen. Gewonnen hat das Kind mit den meisten Füßen. Berichtete die Schwägerin zu Weihnachten. Die Neffen machen mit. Ich wollte schon diesen Vorschlag unserer Umweltbürgermeisterin machen weil ich diesen Wettbewerb für eine charmante und pädagogisch wertvolle Methode halte, die durchaus auch die Elterntaxieltern an ihrer Ehre kratzt und die meisten Eltern so ticken, dass sie gerne ihr Kind als Sieger sehen. Und die, die nicht so ticken, fahren ihr Kind auch eher selten in die Schule, also hätten da auch mal Kinder mit weniger engagierten Eltern eine Chance, gewissermaßen ein ungleichheitssensibler Wettbewerb. Sinnvoller als ein beklopptes Lied. Vielleicht schreibt #Dresden ja mal einen #Füßepreis für Schulen aus.
Neben dem #Füßewettbeweb gibt es auch den Wettbewerb des #Nichtmüllfrühstücks und des #Wenigzuckernaschens. Selbstredend. The Winner is: wer den wenigsten Müll in der Frühstücksdose hat. Nix Milchschnitte, nix abgepackter Biomüsliriegel, nix Süßigkeit. Das ist dann aber schon nicht mehr so ungleichheitssensibel, hier brauchts die Eltern.

P.S. Man könnte sogar ein Lied dazu … Wenn Mutti (wahlweise: Vati, Oma, Opa…) mich zur Schul‘ fahr’n will dann sag ich ganz laut nein. Ich fahre lieber mit dem Rad (wahlweise: ich laufe lieber selber hin), da bleibt die Umwelt rein. Muss man aber nicht.

Ressource Mensch

Der Freistaat startet eine Werbekampagne. In der Stadt thematisiert es der Rechnungsprüfer. Die Wirtschaft tut es schon länger, der Bereich Soziales und Bildung sowieso, heute tun es die freien Träger. Fachkräftemangel. Welch Euphemismus. Nennen wir das Kind doch beim Namen, die Ressource Mensch in der gewünschten Qualität steht nicht allerorten in so ausreichendem Maße zur Verfügung, wie es sich der Ressourcenbedürftige vorstellt. Die Marktverhältnisse haben sich – und da helfen Forderungen, dass „man“ hier etwas „tun müsse“ oder; noch besser; „etwas getan werden müsse“ genausowenig wie die Versprechen, mehr Stellen zu schaffen – umgedreht. Zugunsten der Ressource Mensch. Das war lange Zeit anders, so lange Zeit, dass sich die gesamte Gesellschaft daran gewöhnt hat. Ergo ist das alles hausgemachtes Elend. Geburtenzahlen, die Tatsache, dass Mensch älter, anfälliger und insgesamt hilfs- und dienstleistungsbedürftiger wird und lernfähig ist. Lernfähig insoweit, dass er natürlich das Prinzip des Marktes auch für sich verinnerlicht hat. Berufswahl ist ein Bestandteil der Suche nach dem guten Leben – was auch immer der Einzelne darunter versteht. Planwirtschaft in der Berufsorientierung und Berufsausbildung gab es, hat sich ja nicht bewährt. Ein Dilemma. Hinzu kommt, eine Entwicklung hin zum Dienstleisten lassen, die Ansprüche in der Berufswelt haben sich verändert. Es werden eben nicht weniger Arbeitskräfte benötigt. Auch wenn viele immer noch daran glauben, durch Digitalisierung spare man Personal. Das ist dummerweise zu kurz gedacht und ziemlich riskant.

Spannend nun, wenn in Zeiten zunehmenden Wahlkampfes in dafür prädestinierten Bereichen „Verdopplung des Personalschlüssels“ gefordert wird. Von einem imaginären Dritten. Dieser imaginäre Dritte soll es gleich mitbacken, dieses Mehr an Personal. Der Umkehrschluss, mittlerweile nicht mehr ganz so opportun, zu sparen (wahlweise Unterrichtsstunden oder Betreuungszeiten oder Personalschlüssel oder anderweitige Zugangskritieren) kam eben blöd an in der Öffentlichkeit. Ist auch in der Sache falsch.

Nun gibt es Werbekampagnen. Wenn nicht, werden sie gefordert. Die Jugend wird’s freuen, ihr Marktwert steigt, vorausgesetzt, sie hat Abi. (Da sind wir wieder beim Thema Bildung.) Die Jugend ist aber nicht blöd. Sie weiß sehr genau, in welchen Branchen welche Bedingungen herrschen, von welchen Berufen man halbwegs leben kann, von welchen nicht und – Achtung – welche Berufe soziale Anerkennung genießen. Das sind nicht die Altenpfleger. Das sind nicht die Erzieher. Oder gar das Unwort Verwaltungsmitarbeiter (auch wenn der öffentliche Dienst wiederum attraktiv ist wegen der gefühlten Sicherheiten).

Zum Glück und endlich – muss man sagen, gibt es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für Studien, die sich beispielsweise der Berufsorientierung widmen, Vorher hat es niemanden interessiert, solange genug Material auf dem Markt verfügbar war. Auch davon wird niemand gebacken und auch davon wird noch kein Problem gelöst. Aber möglicherweise beginnt das Nachdenken darüber, genauso intensiv wie bei Umweltthemen, wie nachhaltig und sorgsam gehen wir mit dem eben nicht so einfach in der gewünschten Menge nachwachsenden Rohstoff Mensch um, wie sehr leben wir da auf Verschleiß und verschleudern – uns. Dazu gehört auch, bei allen Werbekampagnen diejenigen nicht zu vergessen, die die Läden am Laufen halten, wenn viele den Laden aus Alternsgründen verlassen und die Jugend eben noch niht ausreichend da ist. Gesundheit und Motivation sind keine Selbstverständlichkeiten. Nachhaltig wirtschaften eben.

Sportstunden

Hand aufs Herz, wer erinnert sich an diese pädagogisch völlig widersinnigen Sportstundenphasen in denen Mannschaftskapitäne ihre Leute auswählten und wie sich das anfühlt, so als letzter zwangsweise aufgenommen zu werden (obwohl man vorher die blöde Deutschhausaufgabe zum Abschreiben rübergereicht und in Russisch vorgesagt hatte …) So ganz verlieren wir das nie, es gibt nur keiner gerne zu. Wir erwarten Dankbarkeit und wir erwarten Anerkennung, jeder tut das irgendwo mehr oder weniger und mehr oder weniger offensichtlich. Nur haben „die Anderen“ eben auch ihre Sichtweise. Klar hat die Hausaufgabe vielleicht die Deutschzensur gerettet, aber das hilft nichts im Sport – und da zählt gewinnen. Ist das fair? Darüber kann man streiten, aber wenn auswählen drauf steht, ist nun mal auswählen drin, auch wenn – natürlich – nicht nur die sportlichen Fähigkeiten eine Rolle spielte sondern ganz oft auch die Stimmungslage in der Klasse, die Stellung der Schüler in der Klasse und so weiter.

Politik ist auch nur das ganz normale Leben. Vielleicht ein bisschen öffentlicher. Parteien sind im Grunde sowas wie eine besonders buckelige Verwandtschaft, die man sich nur bedingt raussucht. Und manchmal sind Wahlvorbereitungen sowas wie das Mannschaftscasting in der Sportstunde. Egal welche Farbe das Trikot hat. Mancher rannte aufs Klo zum Heulen. Mancher brüllte, wie doof doch alle sind und ging zur Parallelklasse. Mancher rannte in die Umkleide und knallte die Tür. Sportlich nahmen es immer die, die auch in Erwägung gezogen hatten, nicht wie selbstverständlich die erste Wahl zu sein,

kommen in den besten Familien vor, manchmal endets im Rosenkrieg, manchmal fliegen nur die Teller – und manchmal trennen sich die Wege ohne Scherben. Bisschen wie im wahren Leben ist es auch in der Politik.

Ein trüber Sonnabend und Twitter

macht mich nachhaltig darauf aufmerksam: Es nahet mit eiligen Schritten die Kommunalwahl. Vor neun Jahren bin ich selbst Stadträtin geworden, als Nachrückerin damals. Zwischen damals und heute hat sich eine Menge verändert, meine politische Einstellung nicht. Sicherlich sehe ich heute vieles aus einem anderen Blickwinkel, noch mehr wohl nicht mehr ganz so idealisiert. Wobei Desillusionierung nichts Schlechtes sein muss – es ist eben nur der Verlust von Illusionen und der Gewinn von Erkenntnis.

Nun, es stehen also Wahlen an und ist es mir schon zur Bundestagswahl schwer gefallen, guten Gewissens und in voller Überzeugung die Kreuze zu machen, so wird das im Mai noch mehr der Fall sein. Fragte mich jemand heute, wen ich wählen werde, ich müsste die Antwort schuldig bleiben. (Einzig ausschließen kann ich, wen ich definitiv NICHT wähle. ) Und ich muss auch deshalb die Antwort schuldig bleiben, weil bisher keine der in Frage kommenden Parteien bildungspolitisch den Ausgleich herkunftsbedingter Bildungsbenachteiligung programmatisch und im konkreten Handeln auf der Tagesordnung hat

Das hat vielleicht auch damit etwas zu tun, dass Demokratie Beteiligung erfordert und wer sich nicht bemerkbar macht, wird leicht übersehen und nicht wirklich wahrgenommen. Und ein Merkmal sozial benachteiligter Menschen ist leider, dass sie sich viel eher mit ihrer Situation arrangieren und abfinden, als andere. Manchmal allein deshalb, weil für sie nicht vorstellbar ist, dass es anders sein könnte.

Mal sehen, vielleicht habe ich Lust und Muße, die Kommunalwahlprogramme mal bildungssoziologisch auseinanderzunehmen. Schauen wir mal.

Neue Heimat

Vorab sei gesagt, ich kann mit dem Begriff Heimat wenig anfangen. Heimatkunde, Unsre Heimat, Heimat war, ist und bleibt ein für mich abstrakter und wenig fassbarer Begriff, ideologisch aufgeladen. Ich kann ohnehin wenig mit übermäßigen Verklärungen anfangen. Schlichtweg fehlt mir die Fähigkeit, „meine“ Stadt zu verklären oder als meine Heimat zu erklären, zu meinem Bedauern manchmal, aber es ist so . Obwohl oder gerade weil nicht mehr viel zum halben Jahrhundert fehlt seitdem ich hier lebe. Könnte ich aber auch woanders. Es gibt Orte, die für mich ein zweites Zuhause sind. Orte, an die ich mich denke, wenn ich mich in Dresden nicht zu Hause fühle. Vielleicht liegt es daran, dass für meine Begriffe zu viele Menschen erklären, was und wie Dresden ist oder zu sein habe.

Neue Heimat Dresden lautet nun dieses mit viel inszenierter Spannung angekündigte Motto der Kulturhauptstadtbewerbung. Entstanden aus Kultur des Miteinanders. Ein Störgefühl verbindet sich mit dem Begriff Heimat immer. Heimatschutzbehörde, Ministerium für Heimat, heimelig ist das alles nicht und hyggelig schon gar nicht. Was solls, frage ich mich? Mir sind eine Menge Illusionen über Menschen und kluge Entscheidungen und deren Zustandekommen verlustig gegangen, aber irgendwas wird „man“ sich dabei gedacht haben. Gefragt wurden die Dresdner ja nicht (was auch eine Idee gewesen wäre).

Die Phrase „Neue Heimat“ war ein politisches Schlagwort oder besser gesagt ein Kampfbegriff der Nationalsozialisten. „Die neue Heimat. Vom Werden der nationalsozialistischen Kulturlandschaft“ ist der Titel eines Buches eines Fritz Wächtler, Gauleiter, Leiter des „NSDAP-Hauptamtes für Erziehung“ und kommissarischer Leiter des „NS-Lehrerbundes“, „Sachbearbeiter für Volksschulfragen“.

Neue Heimat, so nannten die Nationalsozialisten einige Wohnungsunternehmen, die sie vorher – teilweise von Gewerkschaften . enteignet hatten. Die Neue Heimat in Hamburg schlitterte später in der Bundesrepublik aufgrund von Filz und Misswirtschaft in eine spektakuläre Pleite und wurde für einen Euro verkauft wurde. Nun, damit haben wir in Dresden Erfahrung.

Die Neue Heimat Tirol gibt es noch. „Das Hauptziel der im Jahre 1939 gegründeten gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft „Neue Heimat“ lautete: Wohnraum für die Südtiroler Umsiedler („Optanten“) zu schaffen. Nach Ende des 2. Weltkrieges waren die rasche Wiederherstellung zerstörten Wohnraumes, die Bewältigung der Barackenabsiedlungsprogramme und schließlich die Errichtung weiterer Wohnobjekte zu günstigen Bedingungen vorrangige Zielsetzung. […] Heute ist die NEUE HEIMAT TIROL der führende Bauträger und Hausverwalter Tirols. Ihr Markenzeichen sind erschwingliche Eigentums- und Mietwohnungen bzw. optimierte Bewirtschaftungskosten.“
Quelle: https://www.neueheimattirol.at/artikel/10014/geschichte.aspx

Neue Heimat heißen heute kleine Wohnungsgesellschaften, ein Stadtteil in Tirol, ein Fussballverein, Seniorenheime und ich las in einer bayrischen Kleinstadt diesen Slogan an der Hauswand in einer oberspießigen Wohnsiedlung, in der man den Mief der Fünfziger gewissermaßen riechen konnte. Zukunftsgewandt ist da nichts und in Bezug auf Seniorenresidenzen ist „Neue Heimat“ fast zynisch. Zugegeben suche ich in vielem den Zynismus.

Neue Heimat gibts auch zum Kochen. Tim Mälzer. Werbetext: „Das neue Heimatkochbuch von Tim Mälzer stillt die Sehnsucht nach gutem Essen, kulinarischer Geborgenheit – Emotion pur, fürs Auge und auf dem Teller. “ Und Bundesadler in bunt auf dem Einband. Suchmaschine hilft.

Natürlich, man kann ein Bewerbungsmotto gezielt wählen mit dem Ziel, zu provozieren, Diskussionen anstoßen. Und vielleicht wird es in ein paar Jahren so aussehen, als sei die Wahl des Mottos genau so strategisch und intellektuell wohlüberlegt geplant gewesen. Man kann aber davon ausgehen, je mehr „um die Ecke gedacht“ und je klüger und geplanter eine Strategie später erscheint, desto weniger war sie es tatsächlich. Geschichte wird immer hinterher geschrieben.

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