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Unterscheidungen.

Autor: Gerit Seite 2 von 4

Verwaltung

Verwaltungen sind ganz allgemein gesagt formale Organisationen, die nach Regeln arbeiten und mit eigens geschultem Personal öffentliche Aufgaben oder Assistenzfunktionen erfüllen. Das Eigentümliche der Verwaltung ist, dass sie ebenso allgegenwärtig wie unentbehrlich und doch, was ihre eigentliche Natur betrifft, weitgehend unbekannt und nicht einmal besonders hoch angesehen ist. Verwaltung gilt bestenfalls als uninteressant, jedenfalls als Expertenangelegenheit. Das ist paradox, schon deshalb, weil die öffentliche Verwaltung im demokratischen Staat Angelegenheit der Bürger sein sollte, und das kann sie nur sein, wenn diese die Möglichkeit haben, sich über ihre Eigenheiten zu unterrichten und sie wenigstens ihren Grundzügen nach zu verstehen. Verwaltung verstehen bedeutet nicht nur zu wissen, wie sie funktioniert, sondern auch beurteilen zu können, ob sie gut und angemessen funktioniert.


Seibel, W. (2016). Verwaltung verstehen: Eine theoriegeschichtliche Einführung (Erste Auflage, Originalausgabe). Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 2200. Berlin: Suhrkamp.

#Mastersplitter

Ressource Mensch

Der Freistaat startet eine Werbekampagne. In der Stadt thematisiert es der Rechnungsprüfer. Die Wirtschaft tut es schon länger, der Bereich Soziales und Bildung sowieso, heute tun es die freien Träger. Fachkräftemangel. Welch Euphemismus. Nennen wir das Kind doch beim Namen, die Ressource Mensch in der gewünschten Qualität steht nicht allerorten in so ausreichendem Maße zur Verfügung, wie es sich der Ressourcenbedürftige vorstellt. Die Marktverhältnisse haben sich – und da helfen Forderungen, dass „man“ hier etwas „tun müsse“ oder; noch besser; „etwas getan werden müsse“ genausowenig wie die Versprechen, mehr Stellen zu schaffen – umgedreht. Zugunsten der Ressource Mensch. Das war lange Zeit anders, so lange Zeit, dass sich die gesamte Gesellschaft daran gewöhnt hat. Ergo ist das alles hausgemachtes Elend. Geburtenzahlen, die Tatsache, dass Mensch älter, anfälliger und insgesamt hilfs- und dienstleistungsbedürftiger wird und lernfähig ist. Lernfähig insoweit, dass er natürlich das Prinzip des Marktes auch für sich verinnerlicht hat. Berufswahl ist ein Bestandteil der Suche nach dem guten Leben – was auch immer der Einzelne darunter versteht. Planwirtschaft in der Berufsorientierung und Berufsausbildung gab es, hat sich ja nicht bewährt. Ein Dilemma. Hinzu kommt, eine Entwicklung hin zum Dienstleisten lassen, die Ansprüche in der Berufswelt haben sich verändert. Es werden eben nicht weniger Arbeitskräfte benötigt. Auch wenn viele immer noch daran glauben, durch Digitalisierung spare man Personal. Das ist dummerweise zu kurz gedacht und ziemlich riskant.

Spannend nun, wenn in Zeiten zunehmenden Wahlkampfes in dafür prädestinierten Bereichen „Verdopplung des Personalschlüssels“ gefordert wird. Von einem imaginären Dritten. Dieser imaginäre Dritte soll es gleich mitbacken, dieses Mehr an Personal. Der Umkehrschluss, mittlerweile nicht mehr ganz so opportun, zu sparen (wahlweise Unterrichtsstunden oder Betreuungszeiten oder Personalschlüssel oder anderweitige Zugangskritieren) kam eben blöd an in der Öffentlichkeit. Ist auch in der Sache falsch.

Nun gibt es Werbekampagnen. Wenn nicht, werden sie gefordert. Die Jugend wird’s freuen, ihr Marktwert steigt, vorausgesetzt, sie hat Abi. (Da sind wir wieder beim Thema Bildung.) Die Jugend ist aber nicht blöd. Sie weiß sehr genau, in welchen Branchen welche Bedingungen herrschen, von welchen Berufen man halbwegs leben kann, von welchen nicht und – Achtung – welche Berufe soziale Anerkennung genießen. Das sind nicht die Altenpfleger. Das sind nicht die Erzieher. Oder gar das Unwort Verwaltungsmitarbeiter (auch wenn der öffentliche Dienst wiederum attraktiv ist wegen der gefühlten Sicherheiten).

Zum Glück und endlich – muss man sagen, gibt es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für Studien, die sich beispielsweise der Berufsorientierung widmen, Vorher hat es niemanden interessiert, solange genug Material auf dem Markt verfügbar war. Auch davon wird niemand gebacken und auch davon wird noch kein Problem gelöst. Aber möglicherweise beginnt das Nachdenken darüber, genauso intensiv wie bei Umweltthemen, wie nachhaltig und sorgsam gehen wir mit dem eben nicht so einfach in der gewünschten Menge nachwachsenden Rohstoff Mensch um, wie sehr leben wir da auf Verschleiß und verschleudern – uns. Dazu gehört auch, bei allen Werbekampagnen diejenigen nicht zu vergessen, die die Läden am Laufen halten, wenn viele den Laden aus Alternsgründen verlassen und die Jugend eben noch niht ausreichend da ist. Gesundheit und Motivation sind keine Selbstverständlichkeiten. Nachhaltig wirtschaften eben.

#Mastersplitter

Warum Soziologie

Es stimmt, dass die soziologische Analyse dem Narzissmus nicht gerade schmeichelt und mit dem zutiefst selbstgefälligen Bild von der menschlichen Existenz, das all jene verteidigen, die von sich als von den »unersetzlichsten aller Lebewesen« denken möchten, einen radikalen Bruch vollzieht. Nicht minder aber stimmt, dass sie eines der machtvollsten Instrumente der Erkenntnis seiner selbst als eines sozialen, das heißt einmaligen Lebewesens ist. So mag sie zwar die illusorischen Freiheiten in Frage stellen, in deren Besitz sich diejenigen wähnen, die in dieser Selbsterkenntnis einen »Abstieg in die Hölle« erblicken und alle Jahre wieder der jeweils neuesten, dem Tagesgeschmack angepasste Erscheinungsform der »Soziologie der Freiheit applaudieren […] doch bietet sie auch einige der wirksamsten Mittel, um jene Freiheit zu erlangen, die sich den sozialen Determinismen mit Hilfe der Erkenntnis dieser sozialen Determinismen immerhin abringen lässt. (Bourdieu und Beister 2012, S. 9)


Bourdieu, Pierre; Beister, Hella (2012): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. 8. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 1985 = N.F., 985).

Den objektiven Beobachter gibt es nicht

Die Sozialwissenschaft muss nicht nur wie der Objektivismus mit der eingeborenen Erfahrung und der eingeborenen ´Darstellung dieser Erfahrung brechen, sondern außerdem in einen zweiten Bruch die mit der Position des »objektiven« Beobachters untrennbar verbundenen Voraussetzungen in Frage stellen. Der Interpretation der Praktiken verhaftet neigt dieser nämlich dazu, die Grundlagen seiner Beziehung zum Objekt in dieses einzubringen, was unter anderem durch den Vorrang belegt wird, den er in den Funktionen von Kommunikation und Erkenntnis einräumt und der ihn verleitet, Interaktionen auf rein symbolische Tauschvorgänge zu reduzieren. Erkenntnis hängt nicht nur, wie dies ein elementarer Relativismus lehrt, von dem besonderen Standpunkt ab, den ein »räumlich und zeitlich festgelegter« Beobachter zum Objekt bezieht; dies ist eine um so grundlegendere und schädlichere, weil für die Erkenntnisoperation konstitutive und damit zwangsläufig unerkannt bleibende Verfälschung der Praxis schon dadurch, dassman ihr gegenüber einen »Standpunkt« bezieht und sie damit zum Objekt von Beobachtung und Analyse macht. Wobei dieser souveräne Standpunkt nirgends leichter bezogen werden kann als von den besseren Plätzen des sozialen Raums, von denen sich die Sozialwelt wie ein von ferne und von oben herab betrachtetes Schauspiel, wie eine Vorstellung darbietet. (Bourdieu 2018, S. 52)
Bourdieu, Pierre (2018): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. 10. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1066).

Kommunalpolitik, Schule und Diskriminierung

Die Auseinandersetzungen um die Schulentwicklung und damit um die Kanalisierung von Schülerströmen in einem nun viergliedrigem Schulsystem bleiben zudem nicht auf des Schulsystem begrenzt, sondern beschäftigen Experten aus der Wissenschaft und die (kommunal-)politische Öffentlichkeit. Schulreform und Schulentwicklung sind ein bevorzugter Gegenstand des öffentlichen Disputes und wiederkehrender Anlaß für Erregung und die Inszenierung parteipolitischer Differenz, zumal vor Wahlkämpfen. Eine wichtige Dimension des kommunalen Schulsystems, die für die Analyse institutionalisierter Diskriminierung besonders relevant ist, sind die kommunalpolitischen Diskussionen zu Erziehungsfragen in den lokalen Medien. Hier wird öffentlich gestritten über die Frage, wie Quantität und Qualität des Schulangebotes in Zukunft aussehen sollen, wie das Angebot über die Stadtteile verteilt sein soll, wie der Unterricht ausländischer Kinder zu organisieren sei etc. Die in solchen Diskussionen durchgesetzten Sicht- und Redeweisen bilden den Rahmen für die Konturierung der institutionellen Argumentationshaushalte, die in der Organisation Schule benutzt werden, wenn Entscheidungen über die Karriere einzelner Schüler getroffen und nachträglich begründet werden müssen. Öffentliche Diskurse im Sinne sozial gültig gemachter Redeweisen beliefern die schulinternen Entscheidungs- und Begründungsvorgänge gleichsam mit neuen Argumentationsfiguren oder bestätigen die vorhandenen. Die Entscheidungen, die im Zuge der Schulentwicklungsplanung getroffen und begründet wurden, die Debatten und Kontroversen, die in diesem Zusammenhang geführt wurden, können als Vorstrukturierung des Distributionsvorgangs aufgefasst werden, in dem Schüler auf das Schulsystem verteilt werden. Zugleich werden damit strukturell Chancen zugeteilt, die die Karriere eines Kindes eines bestimmten Jahrgangs nachhaltig beeinflussen. Sofern in der Schulentwicklung „Vermittlungsmechanismen von Ungleichheit“ zu entdecken wären, soll von institutioneller Diskriminierung gesprochen werden. (Gomolla und Radtke 2009, S. 98)
Gomolla, Mechtild; Radtke, Frank-Olaf (2009): Ein lokales Schulsystem. In: Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke (Hg.): Institutionelle Diskriminierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 97–124.

Warum Soziologie

An dieses Potential des soziologischen Blicks erinnert werde ich so gut wie jeden Tag. Wann immer ich das Büro der eigenen Einrichtung betrete, schaut es mich an. Ein Foto Bourdieus mitsamt dem Nekrolog, der kurz nach seinem Tod 2002 in der taz erschienen ist, hängt hier seit Jahren an der Pinwand hinter meinem Schreibtisch. Bourdieu blickt mir von dort aus sozusagen über die Schulter. Kaum jemand, der das Büro betritt, nimmt Notiz davon. Seine Gesichtszüge sind den hier verkehrenden Familien in aller Regel nicht vertraut, und es gibt keinen Grund, den eigenen Bezug zu ihm und seinem Werk irgendjemandem aufzudrängen, auch wenn es mir immer gute Dienste geleistet hat und leistet. Manchmal, wenn es um die (kollektive) Reflexion der eigenen Arbeit, um pädagogische Fragen, solche der Teamentwicklung oder auch zu treffende Entscheidungen geht, befrage ich das Werk Bourdieus in Form eines inneren Dialogs, so wie wenn man am Grab der eigenen Eltern oder eines geliebten Menschen diese darauf hin befragt, welcher nächste Schritt unter gegebenen Bedingungen als bestmöglicher zu vollziehen sei. Nicht zuletzt hilft mir die Sozioanalyse auch dabei, der Subtilität des „Marktgeschehens“ gewahr zu sein und zu bleiben, handle es sich um Anfragen, Kontaktaufnahmen, Besichtigungen, den Abschluss von Verträgen, mithin auch im täglichen Umgang mit Kindern, Eltern und Personal. Dabei stimmt sie in hohem Maße versöhnlich, erlaubt sie es doch, eigene Spielräume und auch solche gesamtgesellschaftlicher Art zu erkennen, zu identifizieren und zu nutzen. Sie ermöglicht es, die Aufnahmepolitik des Trägers und der Einrichtung, für die ich tätig bin, und nicht zuletzt mich selbst unter allen angeführten Gesichtspunkten auf den Prüfstand und in Frage zu stellen. Als eine dem professionellen Habitus inkorporierte Metaperspektive trägt der soziologische Blick dazu bei, das eingangs thematisierte Paradoxon, wonach eigenen professionellen Praktiken ein objektiver Sinn innewohnt, der subjektive Absichten übersteigt, im Blick zu behalten; dies deshalb, weil er diese Praktiken in ihrer Einbettung in die dem Markt der frühkindlichen Bildung eingeschriebenen Gesetzmäßigkeiten erfasst. Auf diese Weise ermöglicht er es, diese eher untergründig wirksame Seite sozialen Sinns, anstatt sich ihr zu unterwerfen, einem Mindestmaß an kontrollierter Beherrschung zuzuführen. (Bröskamp 2017, S. 32)


Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33.

In Zeiten des zunehmenden Wahlkampfs…

Dass die politische Kommunikation mit moralischen Inhalten durchsetzt ist, kann man jeden Tage beobachten. Mit deftigen Ausdrücken wird, wenn man der Berichterstattung in Funk und Presse trauen darf, nicht gespart. Und offenbar tragen die Medien, die dies vorzugsweise aufgreifen, das Ihre dazu bei, den Eindruck entstehen zu lassen, dass politische Kultur eine Kultur der wechselseitigen Beleidigungen ist, die so deutlich gewählt sein müssen, dass sie jeder auch ohne besondere Vorbildung versteht. […] Besonders in Wahlkampfzeiten steigert sich dieses merkwürdige Phänomen, Man fühlt sich an einen Vergleich aus der Prinzessin Brambilla von E.T.A. Hoffmann erinnert; an de beiden Löwen, die mit solchem Grimm aufeinander losgehen und in wütendem Kampf einander auffressen, so daß am Ende nichts übrigbleibt als die beiden Schweife. Aber wer hätte Interesse daran, zwischen zwei Schweifen zu wählen? Das kann, wird man sagen, doch wohl nicht ernst gemeint sein. Aber es geschieht vor unseren Augen. Von Ehrlichkeit keine Spur. Es handelt sich, die Grünen vielleicht ausgenommen, nicht um einen Fall von moralischer Naivität, aber auch nicht eigentlich um moralischen Zynismus. Es geht auch nicht um eine »dialektische« Synthese von Naivität und Zynismus; denn bei Dialektik müsste man, Hegels Theorie folgend, Geist als Wirkstoff vermuten und Geist lässt sich in diesem Falle nun beim besten Willen nicht beobachten. Eher tippt man auf eine Art Geschäftigkeit im Ausdrucksmedium eines politischen Moralismus. Offenbar handeln Politiker unter der (berechtigten oder unberechtigten jedenfalls unüberprüfbaren) Zwangsvorstellung, daß die Wähler in der politischen Wahl nach moralischen Kriterien entscheiden. Dies steht in einem offenen Widerspruch zu eine Grundpostulat demokratischer politischer Systeme: daß der Wähler in der Lage sein soll, in der politischen Wahl zwischen den bisher regierenden und den bisher opponierenden Parteien zu entscheiden. Das erfordert dass die Wahl moralisch offengelassen wird, Jede Partei muss, wenn sie sich selbst als demokratisch vorstellen will, die Wählbarkeit anderen Parteien zugestehen. Es käme darauf an, bei moralischer Chancengleichheit das eigene Programm als politisch besser darzustellen oder in der jüngsten Geschichte politische Gründe für die Fortsetzung oder einen Wechsel im Amt ausfindig zu machen. (Luhmann und Horster 2016, S. 170)

Luhmann, Niklas; Horster, Detlef (Hg.) (2016): Die Moral der Gesellschaft. Orig.-Ausg., 4. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1871).

Ungleichheit und Pädagogik

„Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit […]. Die formale Gleichheit, die die pädagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung gegenüber der wirklichen Ungleicheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten, genauer gesagt, verlangten Kultur:“ (Bourdieu et al. 2006, S. 39)


Bourdieu, Pierre; Bolder, Axel; Steinrücke, Margareta (2006): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Unveränderter Nachdruck. Hamburg: VSA-Verlag (Schriften zu Politik & Kultur, ; 4).

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