Unterscheidungen.

Monat: Januar 2021

Präsenzbildungsgerechtigkeit

Noch nie wurde so viel über Bildungsgerechtigkeit gesprochen, noch nie so oft die Tatsache thematisiert und problematisiert, dass Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt und dass es durchaus eine Anzahl Schüler*innen gibt, die aufgrund ihrer prekären Aufwachsensbedingungen in ihren Chancen auf Bildung (gemeint sind wohl verwertbare Bildungszertifikate, also ein auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt verwertbarer Schulabschluss) eingeschränkt werden. Allein, es blieb bei der Problematisierung und als einzig hilfreiche Maßnahme sei die Öffnung der Schulen und die Rückkehr zum Präsenzunterricht.

Natürlich – die für deutsche Verhältnisse recht plötzliche Einführung bislang nahezu ausgeschlossener Unterrichtsformen auf Distanz, das Angewiesensein auf digitale Medien als Ersatz für Klassenzimmer, Polylux, Tafel und Kreide, führt zu einer Verschärfung der Ungleichheiten im Bildungssystem, führt dazu, dass soziale Ungleichheiten im Bildungssystem verstärkt werden. Familiär, aber auch einrichtungsbezogen. Es gibt nämlich nicht nur Bildungserfolgsbarrieren für die konkreten Lernenden, es gibt sie auch für Schulen. Der entscheidende Wettbewerbsfaktor ist die Kombination von Ausstattung und den Kompetenzen zum Einsatz. Das trifft für Familien ebenso zu wie für eine Schule. Ich bin nicht sicher ob es Erhebungen zum Einsatz digitaler Lehr/Lernmittel, der Ausstattung von Schulen und der Kompetenzen im Kollegium gibt, die Schulart, die soziale Lage und Sozialstruktur der Schüler*innenschaft der Schulen mit in Betracht ziehen. Die These: Die Schulen, die den höchsten Bildungsabschluss ermöglichen und die die potenteste Elternschaft (soziale Lage, Einkommen, Bildungshintergrund, Bildungsaspirationen) haben, stehen (im Regelfall) an der Spitze. Weil natürlich auch die Bildungsentscheidungen von Eltern wiederum etwas mit deren Bildungshintergrund, sozialer Herkunft und sozialem Status zu tun haben.

Die Situation belastet zunächst alle. Ob Schüler*innen tatsächlich solche horrenden Bildungsverluste erleiden, daran mögen Zweifel berechtigt sein, entscheidend ist wohl die Frage, wie viel potentiell prüfungsrelevantes Wissen wird nicht erworben. Denn Bildung findet immer statt. Nur eben nicht institutionalisiert. Der eigentliche Stress, so die nächste These, entsteht hauptsächlich dadurch, dass mit meist unzureichenden Mitteln Präsenzunterricht ersetzt werden soll.

Bemerkenswert ist nach all dem Drama um den heiligen Gral des Präsenzunterrichts: die mit Krokodilstränen beweinten benachteiligten Schüler*innen spielen in keinem der Öffnungskonzepte der Bundesländer eine Rolle. Es geht meist nur um die Frage, wer darf eher – die „beginners“ oder die „seniors“, die Lernanfänger*innen in Grundschulen oder die Abschlussklassen. Nichts ist zu lesen über Angebote für Schüler*innen, die zu Hause keine Unterstützung, keinen Schreibtisch haben und denen vielleicht irgend ein gleichzeitig strukturgebendes individuelles Angebot hülfe, zu denen die Lehrenden vielleicht auch zeitweise gar keinen Kontakt aufnehmen konnten. So ein Angebot wäre auch eine lohnenswerte Aufgabe für Lehramtsstudierende, und so etwas ginge durchaus auch digital.

Keine Rolle spielen ebenso die Schüler*innen, deren Herkunftssprache nicht deutsch ist und diese Sprache in den Familien auch nicht gesprochen wird. Diese Schüler*innen werden in ihrem Spracherwerb vermutlich so sehr zurückgeworfen, dass das Aufholen eine größere Aufgabe darstellen wird.

Man darf gespannt sein, was von der Aufmerksamkeit für das Thema Bildungsgerechtigkeit bleibt.

„Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher gewarnt worden wäre.“

Dieser Satz ist ein Zitat des sächsischen Ministerpräsidenten in einem insgesamt sehr guten und wie ich meine durchaus „sprengstoffgeladenem“ Interview in der Freien Presse Kretschmer über Corona-Krise: „Wir waren im Herbst noch zu zögerlich“ (freiepresse.de). Ich kann nur wärmstens empfehlen, das Interview vollständig zu lesen, dafür lohnt sich auch der geringe Aufwand eines Testzugangs.

Weiter formuliert Kretschmer, ihm sei nicht klar gewesen, dass „das Personal in Aue schon seit sechs Wochen vor meinem Besuch am 11. Dezember am Limit arbeitete.“ Die gesellschaftliche Stimmung sei im November noch so gewesen dass ihn Bitten erreicht hätten, „doch dieses oder jenes zusätzlich zu öffnen. Mediziner auf Intensivstationen bemängeln zu Recht, dass auch heute noch ein gesellschaftlicher Konsens fehlt.“

Zuerst war ich etwas sprachlos, zugegeben, und dachte nur, was für eine unkluge Aussage. Es gibt sie zwar, diese Chef:innen, die auf die fachliche Kompetenz ihrer Mitarbeiter:innen keinen Deut geben und man sich als Mitarbeiter:in die Finger zuerst wund schreibt und den Mund fusselig redet, es irgendwann dann aber mal sein lässt und beide nicht mehr verbrennt. Dieser Grad an offensichtlicher Uninformiertheit oder Ignoranz lässt sich nicht mehr mit Inkompetenz im Mitarbeiter:innenstab oder fehlendem Vertrauen in selbigen erklären. In so einer dichten Filterblase hätte man vielleicht das Frühjahr überstehen können, nicht aber den Herbst. Auf der Karte von @risklayer war sächsische Landkreise zu der Zeit, als der Ministerpräsident so erschrocken sein will, längst schwarz:

https://twitter.com/risklayer/status/1336789533778714625?s=20

Und Sachsen hatte die Inzidenz-Spitzenreiterposition übernommen:

https://twitter.com/risklayer/status/1336840452750893056?s=20

Warnungen gab es übergenug in den klassischen und den sozialen Medien, der tägliche Pressespiegel dürfte Warnungen genug enthalten haben. Natürlich, es gab und es gibt Gegenwind, es gab und es gibt Menschen, die Corona nicht ernst nehmen, das sind bei weitem nicht nur die so genannten „Covidioten“. Und es gibt diese Menschen natürlich auch in Entscheidungs- und Führungspositionen. An dieser Stelle zeigt sich dann, was (Un)Belehrbarkeit heißt. Natürlich, es sind keine einfachen Entscheidungen, Ausgangs- oder Kontaktbeschränkungen zu verhängen und was Appelle an die Vernunft bringen, davon können Lehrer:innen ein Lied singen. Entscheidungen treffen zu müssen – echte Entscheidungen – sind wohl im Leben von Politiker:innen so ziemlich das Schwerste und Unangenehmste, was ihnen widerfahren kann. Solche Entscheidungen, die unmittelbare Folgen, tatsächliche Konsequenzen haben. Da wartet die eine Ebene gern auf die andere und am allerbesten ist es, wenn Entscheidungen, die zunächst weh tun und unangenehme Folgen haben, jemand anders getroffen hat, man selber „nur“ gezwungen ist, die Entscheidung weiterzugeben oder umzusetzen. Es ist an dieser Stelle unnötig, die ganze Historie des Umgangs mit Corona aufzuarbeiten, das können andere besser.

Herr Kretschmer hat – und das lässt am meisten aufmerken, in diesem Interview sein Kabinett und insbesondere seine Gesundheitsministerin ans Messer geliefert, die Ministerin, die seit Mitte Oktober, seit dem die Ministerpräsidenten sich wie unbelehrbare kleine Jungs aufführten und meinten, der Kanzlerin zu zeigen, dass sie die wahren Landesfürsten sind, erstaunlich still war. Es wird spannend, welche Kreise dieses Interview noch ziehen wird.

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