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Unterscheidungen.

Monat: Februar 2019

Sportstunden

Hand aufs Herz, wer erinnert sich an diese pädagogisch völlig widersinnigen Sportstundenphasen in denen Mannschaftskapitäne ihre Leute auswählten und wie sich das anfühlt, so als letzter zwangsweise aufgenommen zu werden (obwohl man vorher die blöde Deutschhausaufgabe zum Abschreiben rübergereicht und in Russisch vorgesagt hatte …) So ganz verlieren wir das nie, es gibt nur keiner gerne zu. Wir erwarten Dankbarkeit und wir erwarten Anerkennung, jeder tut das irgendwo mehr oder weniger und mehr oder weniger offensichtlich. Nur haben „die Anderen“ eben auch ihre Sichtweise. Klar hat die Hausaufgabe vielleicht die Deutschzensur gerettet, aber das hilft nichts im Sport – und da zählt gewinnen. Ist das fair? Darüber kann man streiten, aber wenn auswählen drauf steht, ist nun mal auswählen drin, auch wenn – natürlich – nicht nur die sportlichen Fähigkeiten eine Rolle spielte sondern ganz oft auch die Stimmungslage in der Klasse, die Stellung der Schüler in der Klasse und so weiter.

Politik ist auch nur das ganz normale Leben. Vielleicht ein bisschen öffentlicher. Parteien sind im Grunde sowas wie eine besonders buckelige Verwandtschaft, die man sich nur bedingt raussucht. Und manchmal sind Wahlvorbereitungen sowas wie das Mannschaftscasting in der Sportstunde. Egal welche Farbe das Trikot hat. Mancher rannte aufs Klo zum Heulen. Mancher brüllte, wie doof doch alle sind und ging zur Parallelklasse. Mancher rannte in die Umkleide und knallte die Tür. Sportlich nahmen es immer die, die auch in Erwägung gezogen hatten, nicht wie selbstverständlich die erste Wahl zu sein,

kommen in den besten Familien vor, manchmal endets im Rosenkrieg, manchmal fliegen nur die Teller – und manchmal trennen sich die Wege ohne Scherben. Bisschen wie im wahren Leben ist es auch in der Politik.

Ein trüber Sonnabend und Twitter

macht mich nachhaltig darauf aufmerksam: Es nahet mit eiligen Schritten die Kommunalwahl. Vor neun Jahren bin ich selbst Stadträtin geworden, als Nachrückerin damals. Zwischen damals und heute hat sich eine Menge verändert, meine politische Einstellung nicht. Sicherlich sehe ich heute vieles aus einem anderen Blickwinkel, noch mehr wohl nicht mehr ganz so idealisiert. Wobei Desillusionierung nichts Schlechtes sein muss – es ist eben nur der Verlust von Illusionen und der Gewinn von Erkenntnis.

Nun, es stehen also Wahlen an und ist es mir schon zur Bundestagswahl schwer gefallen, guten Gewissens und in voller Überzeugung die Kreuze zu machen, so wird das im Mai noch mehr der Fall sein. Fragte mich jemand heute, wen ich wählen werde, ich müsste die Antwort schuldig bleiben. (Einzig ausschließen kann ich, wen ich definitiv NICHT wähle. ) Und ich muss auch deshalb die Antwort schuldig bleiben, weil bisher keine der in Frage kommenden Parteien bildungspolitisch den Ausgleich herkunftsbedingter Bildungsbenachteiligung programmatisch und im konkreten Handeln auf der Tagesordnung hat

Das hat vielleicht auch damit etwas zu tun, dass Demokratie Beteiligung erfordert und wer sich nicht bemerkbar macht, wird leicht übersehen und nicht wirklich wahrgenommen. Und ein Merkmal sozial benachteiligter Menschen ist leider, dass sie sich viel eher mit ihrer Situation arrangieren und abfinden, als andere. Manchmal allein deshalb, weil für sie nicht vorstellbar ist, dass es anders sein könnte.

Mal sehen, vielleicht habe ich Lust und Muße, die Kommunalwahlprogramme mal bildungssoziologisch auseinanderzunehmen. Schauen wir mal.

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