Sprache

Im evolutionären Kontext gesehen ist Sprache eine extrem unwahrscheinliche Art von Geräusch, das eben wegen dieser Unwahrscheinlichkeit hohen Aufmerksamkeitswert und hochkomplexe Möglichkeiten der Spezifikation besitzt. Wenn gesprochen wird, kann ein anwesendes Bewusstsein dieses Geräusch leicht von anderen Geräuschen unterscheiden und kann sich der Faszination durch laufende Kommunikation kaum entziehen (was immer es im unhörbaren eigenen System dabei denken mag). (Luhmann 2015, S. 110)


Luhmann, Niklas (2015): Theorie der Gesellschaft. 1. Aufl., [9. Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1360).

Sportstunden

Hand aufs Herz, wer erinnert sich an diese pädagogisch völlig widersinnigen Sportstundenphasen in denen Mannschaftskapitäne ihre Leute auswählten und wie sich das anfühlt, so als letzter zwangsweise aufgenommen zu werden (obwohl man vorher die blöde Deutschhausaufgabe zum Abschreiben rübergereicht und in Russisch vorgesagt hatte …) So ganz verlieren wir das nie, es gibt nur keiner gerne zu. Wir erwarten Dankbarkeit und wir erwarten Anerkennung, jeder tut das irgendwo mehr oder weniger und mehr oder weniger offensichtlich. Nur haben „die Anderen“ eben auch ihre Sichtweise. Klar hat die Hausaufgabe vielleicht die Deutschzensur gerettet, aber das hilft nichts im Sport – und da zählt gewinnen. Ist das fair? Darüber kann man streiten, aber wenn auswählen drauf steht, ist nun mal auswählen drin, auch wenn – natürlich – nicht nur die sportlichen Fähigkeiten eine Rolle spielte sondern ganz oft auch die Stimmungslage in der Klasse, die Stellung der Schüler in der Klasse und so weiter.

Politik ist auch nur das ganz normale Leben. Vielleicht ein bisschen öffentlicher. Parteien sind im Grunde sowas wie eine besonders buckelige Verwandtschaft, die man sich nur bedingt raussucht. Und manchmal sind Wahlvorbereitungen sowas wie das Mannschaftscasting in der Sportstunde. Egal welche Farbe das Trikot hat. Mancher rannte aufs Klo zum Heulen. Mancher brüllte, wie doof doch alle sind und ging zur Parallelklasse. Mancher rannte in die Umkleide und knallte die Tür. Sportlich nahmen es immer die, die auch in Erwägung gezogen hatten, nicht wie selbstverständlich die erste Wahl zu sein,

kommen in den besten Familien vor, manchmal endets im Rosenkrieg, manchmal fliegen nur die Teller – und manchmal trennen sich die Wege ohne Scherben. Bisschen wie im wahren Leben ist es auch in der Politik.

Ein trüber Sonnabend und Twitter

macht mich nachhaltig darauf aufmerksam: Es nahet mit eiligen Schritten die Kommunalwahl. Vor neun Jahren bin ich selbst Stadträtin geworden, als Nachrückerin damals. Zwischen damals und heute hat sich eine Menge verändert, meine politische Einstellung nicht. Sicherlich sehe ich heute vieles aus einem anderen Blickwinkel, noch mehr wohl nicht mehr ganz so idealisiert. Wobei Desillusionierung nichts Schlechtes sein muss – es ist eben nur der Verlust von Illusionen und der Gewinn von Erkenntnis.

Nun, es stehen also Wahlen an und ist es mir schon zur Bundestagswahl schwer gefallen, guten Gewissens und in voller Überzeugung die Kreuze zu machen, so wird das im Mai noch mehr der Fall sein. Fragte mich jemand heute, wen ich wählen werde, ich müsste die Antwort schuldig bleiben. (Einzig ausschließen kann ich, wen ich definitiv NICHT wähle. ) Und ich muss auch deshalb die Antwort schuldig bleiben, weil bisher keine der in Frage kommenden Parteien bildungspolitisch den Ausgleich herkunftsbedingter Bildungsbenachteiligung programmatisch und im konkreten Handeln auf der Tagesordnung hat

Das hat vielleicht auch damit etwas zu tun, dass Demokratie Beteiligung erfordert und wer sich nicht bemerkbar macht, wird leicht übersehen und nicht wirklich wahrgenommen. Und ein Merkmal sozial benachteiligter Menschen ist leider, dass sie sich viel eher mit ihrer Situation arrangieren und abfinden, als andere. Manchmal allein deshalb, weil für sie nicht vorstellbar ist, dass es anders sein könnte.

Mal sehen, vielleicht habe ich Lust und Muße, die Kommunalwahlprogramme mal bildungssoziologisch auseinanderzunehmen. Schauen wir mal.

Neue Heimat

Vorab sei gesagt, ich kann mit dem Begriff Heimat wenig anfangen. Heimatkunde, Unsre Heimat, Heimat war, ist und bleibt ein für mich abstrakter und wenig fassbarer Begriff, ideologisch aufgeladen. Ich kann ohnehin wenig mit übermäßigen Verklärungen anfangen. Schlichtweg fehlt mir die Fähigkeit, „meine“ Stadt zu verklären oder als meine Heimat zu erklären, zu meinem Bedauern manchmal, aber es ist so . Obwohl oder gerade weil nicht mehr viel zum halben Jahrhundert fehlt seitdem ich hier lebe. Könnte ich aber auch woanders. Es gibt Orte, die für mich ein zweites Zuhause sind. Orte, an die ich mich denke, wenn ich mich in Dresden nicht zu Hause fühle. Vielleicht liegt es daran, dass für meine Begriffe zu viele Menschen erklären, was und wie Dresden ist oder zu sein habe.

Neue Heimat Dresden lautet nun dieses mit viel inszenierter Spannung angekündigte Motto der Kulturhauptstadtbewerbung. Entstanden aus Kultur des Miteinanders. Ein Störgefühl verbindet sich mit dem Begriff Heimat immer. Heimatschutzbehörde, Ministerium für Heimat, heimelig ist das alles nicht und hyggelig schon gar nicht. Was solls, frage ich mich? Mir sind eine Menge Illusionen über Menschen und kluge Entscheidungen und deren Zustandekommen verlustig gegangen, aber irgendwas wird „man“ sich dabei gedacht haben. Gefragt wurden die Dresdner ja nicht (was auch eine Idee gewesen wäre).

Die Phrase „Neue Heimat“ war ein politisches Schlagwort oder besser gesagt ein Kampfbegriff der Nationalsozialisten. „Die neue Heimat. Vom Werden der nationalsozialistischen Kulturlandschaft“ ist der Titel eines Buches eines Fritz Wächtler, Gauleiter, Leiter des „NSDAP-Hauptamtes für Erziehung“ und kommissarischer Leiter des „NS-Lehrerbundes“, „Sachbearbeiter für Volksschulfragen“.

Neue Heimat, so nannten die Nationalsozialisten einige Wohnungsunternehmen, die sie vorher – teilweise von Gewerkschaften . enteignet hatten. Die Neue Heimat in Hamburg schlitterte später in der Bundesrepublik aufgrund von Filz und Misswirtschaft in eine spektakuläre Pleite und wurde für einen Euro verkauft wurde. Nun, damit haben wir in Dresden Erfahrung.

Die Neue Heimat Tirol gibt es noch. „Das Hauptziel der im Jahre 1939 gegründeten gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft „Neue Heimat“ lautete: Wohnraum für die Südtiroler Umsiedler („Optanten“) zu schaffen. Nach Ende des 2. Weltkrieges waren die rasche Wiederherstellung zerstörten Wohnraumes, die Bewältigung der Barackenabsiedlungsprogramme und schließlich die Errichtung weiterer Wohnobjekte zu günstigen Bedingungen vorrangige Zielsetzung. […] Heute ist die NEUE HEIMAT TIROL der führende Bauträger und Hausverwalter Tirols. Ihr Markenzeichen sind erschwingliche Eigentums- und Mietwohnungen bzw. optimierte Bewirtschaftungskosten.“
Quelle: https://www.neueheimattirol.at/artikel/10014/geschichte.aspx

Neue Heimat heißen heute kleine Wohnungsgesellschaften, ein Stadtteil in Tirol, ein Fussballverein, Seniorenheime und ich las in einer bayrischen Kleinstadt diesen Slogan an der Hauswand in einer oberspießigen Wohnsiedlung, in der man den Mief der Fünfziger gewissermaßen riechen konnte. Zukunftsgewandt ist da nichts und in Bezug auf Seniorenresidenzen ist „Neue Heimat“ fast zynisch. Zugegeben suche ich in vielem den Zynismus.

Neue Heimat gibts auch zum Kochen. Tim Mälzer. Werbetext: „Das neue Heimatkochbuch von Tim Mälzer stillt die Sehnsucht nach gutem Essen, kulinarischer Geborgenheit – Emotion pur, fürs Auge und auf dem Teller. “ Und Bundesadler in bunt auf dem Einband. Suchmaschine hilft.

Natürlich, man kann ein Bewerbungsmotto gezielt wählen mit dem Ziel, zu provozieren, Diskussionen anstoßen. Und vielleicht wird es in ein paar Jahren so aussehen, als sei die Wahl des Mottos genau so strategisch und intellektuell wohlüberlegt geplant gewesen. Man kann aber davon ausgehen, je mehr „um die Ecke gedacht“ und je klüger und geplanter eine Strategie später erscheint, desto weniger war sie es tatsächlich. Geschichte wird immer hinterher geschrieben.