Soziologie und Kunst

Soziologie und Kunst vertragen sich nicht. Das liegt an der Kunst und an den Künstlern, die es nur schlecht ertragen, wenn an ihrem Selbstverständnis gerührt wird.: Das Universum der Kunst ist ein Universum des Glaubens, des Glaubens an die Begabung, an die Einzigartigkeit des unerschaffenen Schöpfers, und der Einbruch des Soziologien, der verstehen und erklären will, wird darüber zum Skandalon. Entzauberung, Reduktionismus, mit einem Wort: Grobschlächtigkeit oder, was auf dasselbe hinausläuft, Sakrileg. (Bourdieu 2014, S. 197)


Bourdieu, Pierre (2014): Soziologische Fragen. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 1872 = N.F., Band 872).

Schöne Schlussworte

Wenn nicht die Fallstricke pädagogischer Reformen aus der Vergangenheit stets wieder neu ausgelegt werden sollen, so ist die wissenschaftliche, pädagogische und politische Perspektive nicht nur dafür zu schärfen, was institutionelle Erziehung, Bildung und Betreuung im Hinblick auf soziale Differenz und Chancengleichheit leisten kann, sondern auch dafür, was sie nicht (alleine) leisten kann. (Meyer 2018, S. 307)


Meyer, Sarah (2018): Soziale Differenz in Bildungsplänen für die Kindertagesbetreuung. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Delegation und politischer Fetischismus

Die Delegation, durch die eine Person einer anderen, wie es heißt, die Vollmacht erteilt, die Machtübertragung, durch die der Mandant den Mandatsträger ermächtigt, an seiner Stelle zu unterzeichnen, an seiner Stelle zu handeln, an seiner Stelle zu sprechen, ihm Prokura erteilt, da heißt die plena potientia agendi, die uneingeschränkte Vollmacht, für ihn zu handeln, ist ein komplexer Akt, der weitgehende Reflexion verdient. Bevollmächtigter – Minister, Mandatsträger, Delegierter, Sprecher, Abgeordneter Parlamentarier – ist, wer ein Mandat, einen Auftrag oder eine Vollmacht besitzt, um die Interessen einer anderen Person oder Gruppe zu repräsentieren – ein vieldeutiges Wort -, das heißt darzustellen, sichtbar zu machen, zur Geltung zu bringen. Wenn »delegieren« also bedeutet, jemanden durch Übertragung eigener Macht mit einer Funktion, einem Auftrag zu betrauen, so bleibt doch die Frage offen, wie es geschehen kann, dass der Beauftragte Macht über den gewinnt, der ihm die Macht verleiht. (Bourdieu 2013, S. 23)


Bourdieu, Pierre (2013): Politik. Erste Auflage. Hg. v. Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2056).

Die Hoffnung auf die Erziehung

Es ist heute bereits schwierig geworden, das Problem zu erkennen, das das 18. Jahrhundert bewogen hat, so viel Hoffnung auf Erziehung zu setzen. Wir vermuten, dass es sich um eine sehr genau zu bezeichnende Paradoxie gehandelt hatte. Einerseits hatte man »den Menschen« als Individuum entdeckt (oder: »erfunden«), um mit dieser Figur die alten Einteilungen der Schichtung, der Regionen und Nationen, der Patron/Klient-Verhältnisse, der Berufe und der Konfessionen und Sekten aufzulösen. Sowohl in den Erkenntnistheorien als auch im Bereich der Künste und im Bereich der Moral hatte man, Locke folgend, die Vorstellung angeborener Ideen aufgegeben und damit auch auf die Möglichkeit verzichtet, Geburt als differenzierendes Kriterium für das Erkennen des Guten und Richtigen anzunehmen. Das musste jedoch dazu zwingen, jeden Rückgriff auf unbedingt geltende Standards aufzugeben. Denn solche Kriterien hätten dazu geführt, Meinungskonflikte für rational entscheidbar zu halten mit der weiteren Konsequenz sozialer Diskriminierung. Einige wissen und können es besser als andere, – aber wie das, wenn alle Individuen sind und von Natur aus frei und gleich ausgestattet sind? Kurz gesagt: Absolute Kriterien des Wahren, Guten und Schönen setzen als Sozialform stratifikatorische Differenzierung voraus (was natürlich nicht ausschließt, dass es in jeder Schicht Versager gibt). Die Logik des modernen Individualismus erfordert deshalb den Verzicht auf solche Kriterien. Genau das konnte man aber im 18. Jahrhundert weder sehen noch zugeben. Die Lösung suchte man einerseits mit neuen Unterscheidungen, etwa Lust/Unlust oder Nutzen/Schaden, die das Kriterienproblem hinausschoben und die Vermutung zuließen, es könnte empirisch gelöst werden. […] Und es gab schließlich die Hoffnung auf Erziehung. (Luhmann 1996, S. 16)


Luhmann, Niklas (Hg.) (1996): Zwischen System und Umwelt. Fragen an die Pädagogik. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (/Suhrkamp-Taschenbuch / Wissenschaft] Suhrkamp-Tachenbuch Wissenschaft, 1239).

Öffentliche Erziehung

Seitdem die pädagogische Diskussion von der häuslichen Erziehung zur öffentlichen Erziehung in Schulen, also zu organisierter Erziehung, umgeschwenkt ist, (seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts also), steht auch der öffentliche Bedarf und der öffentliche Nutzen der Erziehung im Vordergrund der Diskussion. Zwar werden humane Legitimationsformeln wie menschliche Perfektion oder Bildung noch mitgeführt, wenn es darum geht, die (relative) Autonomie der Schulerziehung zu begründen. Aber der Einsatz öffentlicher Mittel und ebenso die Rücksicht auf die gesellschaftliche Lebensführung der Individuen verlangen eine Thematisierung von Erziehungszielen, die darüber hinausgeht. (Luhmann 1996, S. 15)


Luhmann, Niklas (Hg.) (1996): Zwischen System und Umwelt. Fragen an die Pädagogik. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (/Suhrkamp-Taschenbuch / Wissenschaft] Suhrkamp-Tachenbuch Wissenschaft, 1239).

Können Sie mir folgen?

Zu den Besonderheiten struktureller Kopplung Bewusstsein-Kommunikation gehört, dass auf beiden Seiten autopoietische Systeme beteiligt sind. Es geht also nicht um die Kopplung eines autopoietischen Systems an invariante Gegebenheiten seiner Umwelt – so wie die Muskulatur von selbstbeweglichen Organismen abgestimmt ist auf die Anziehungskraft des Erdballs. Auch im Verhältnis Bewusstsein/Kommunikation gibt es einige strukturelle Invarianten, zum Beispiel die Grenzen des Tempos der Änderung von Bewusstseinszuständen, die die Kommunikation nicht überfordern darf. (Luhmann 2015, S. 105)


Luhmann, Niklas (2015): Theorie der Gesellschaft. 1. Aufl., [9. Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1360).

Bildungsgerechtigkeit

Könnte es anders sein? Das Erziehungssystem muss – abgesehen von seinen sonstigen Funktionen – Individuen hervorbringen, die ein für alle Mal und für das ganze Leben ausgewählt und in eine Rangordnung eingestuft sind. Wenn man innerhalb dieser Logik soziale Privilegien oder Nachteile berücksichtigen und den Anspruch erheben wollte, die Individuen nach ihrem tatsächlichen Verdienst, das heißt, gemessen an den überwundenen Hindernissen einzustufen, bedeutet das in letzter, bis zum Absurden getriebener Konsequenz entweder einen Wettbewerb nach Klassen (wie beim Boxkampf), oder man wäre gezwungen – wie in der kantschen Verdienstethik -, den algebraischen Unterschied zwischen dem Ausgangspunkt, das heißt den gesellschaftlich bedingten Möglichkeiten, und dem Endresultat, das heißt dem an ablesbaren Prüfungsergebnissen ablesbaren Erfolg, zu messen, kurz gesagt man müsste nach Handikap einstufen. (Bourdieu 2018, S. 222)


Bourdieu, Pierre (2018): Bildung. Erste Auflage, Originalausgabe. Hg. v. Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2236).

Die unwahrscheinliche Pädagogik 2

Die rationale Pädagogik müsste erst erfunden werden, und es wäre falsch, sie mit den heute bekannten pädagogischen Verfahren zu verwechseln, die, auf bloßen psychologischen Grundlagen beruhend, de facto einem System dienen, das soziale Ungleichheit übersieht und übersehen will. (Bourdieu et al. (1971), S. 88)


Bourdieu, Pierre; Picht, Barbara; Passeron, Jean-Claude; Picht, Robert ((1971)): Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart: Klett ((Texte u. Dokumente zur Bildungsforschung)).

Die Unwahrscheinliche Pädagogik 1

Eine rationale und wirklich universale Pädagogik würde, da sie nicht für erworben hält, was einige wenige nur ererbt haben, sich von Beginn an nichts schenken und sich zu einem methodischen Vorgehen im Hinblick auf das explizite Ziel verpflichten, allen die Mittel an die Hand zu geben, all das zu erwerben, was unter dem Anschein der »natürlichen« Begabung nur den Kindern der gebildeten Klassen gegeben ist. (Bourdieu et al. 2006, S. 23)


Bourdieu, Pierre; Bolder, Axel; Steinrücke, Margareta (2006): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Unveränderter Nachdruck. Hamburg: VSA-Verlag (Schriften zu Politik & Kultur, ; 4).