Der Störenfried

Denn Bourdieus Analysen stellen eine doppelte Provokation dar, die häufig von Pädagogen als doppelte Beleidigung wahrgenommen wird. Es ist einerseits die Provokation durch Aufklärung und Objektivierung, die mit den schmerzlichen Desillusionierungen verbunden sein kann. Und es ist andererseits die fundamentale Provokation durch die Wahrnehmung der Kontingenz selbst, der Zufälligkeit, Situativität, Unberechenbarkeit und Unsteuerbarkeit der gesellschaftlichen Praxis und auch der pädagogischen Praxis in ihr, die die Aussicht auf eine aktive, zielgerichtete und erfolgreiche pädagogische Einflussnahme vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und Kämpfe als sehr unwahrscheinlich und den Pädagogen selbst als interessierten Akteur in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erscheinen lässt. Für pädagogische Größenphantasien bleibt da wenig Raum. Als Pädagoge kann man da nur bescheiden(er) werden.
[…]
Aussichtsreicher scheint mir ein anderer Weg: Man muss – empirisch realistisch und mit der gebotenen Skepsis – wahrzunehmen versuchen, was ist und was sich entwickelt (da sind Bourdieusche Ansätze sehr hilfreich), man muss pragmatisch alle Ressourcen suchen und mobilisieren, die erreichbar sind (mit Bourdieu kann man ganz gut darauf kommen, um welche es sich da handeln könnte), und man muss, in fröhlichem Vertrauen auf die trotz allem gegebene substantielle Kraft der Kultur, versuchen, den pädagogischen Alltag und die pädagogische Gegenwart zu kultivieren, in der Makro-, in der Meso- und in der Mikropolitik: da, wo man halt wirken kann. Nur wenn man sich auf die Vermitteltheit einlässt und sich ihr bewusst aussetzt, und nur wenn man um die Grenzen weiß, wird man auch erfolgreich vermitteln und sogar eigenständig Kultur entwickeln können – dann aber schon. Dass das einen großen Plan ergibt und dass dabei genau das herauskommt, was man gewollt hat, sollte man freilich nicht ohne weiteres erwarten. (Liebau, 2009, p. 56)

References
Liebau, E. (2009). Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen. In B. Friebertshäuser, M. Rieger-Ladich, & L. Wigger (Eds.), Reflexive Erziehungswissenschaft (pp. 41–58). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91645-3_3

Ein zwingendes Argument

„Wir bezeichnen daher mit dem Begriff der objektiven Realität etwas, was wir für universal gültig und für unabhängig von dem halten, was wir tun. Und wir benutzen ihn als ein Argument, um Menschen zu etwas zu zwingen…“ (Maturana, 2000, p. 226)

Maturana, H. R. (2000). Biologie der Realität (1. Aufl). Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 1502. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Warum Soziologie

Es stimmt, dass die soziologische Analyse dem Narzissmus nicht gerade schmeichelt und mit dem zutiefst selbstgefälligen Bild von der menschlichen Existenz, das all jene verteidigen, die von sich als von den »unersetzlichsten aller Lebewesen« denken möchten, einen radikalen Bruch vollzieht. Nicht minder aber stimmt, dass sie eines der machtvollsten Instrumente der Erkenntnis seiner selbst als eines sozialen, das heißt einmaligen Lebewesens ist. So mag sie zwar die illusorischen Freiheiten in Frage stellen, in deren Besitz sich diejenigen wähnen, die in dieser Selbsterkenntnis einen »Abstieg in die Hölle« erblicken und alle Jahre wieder der jeweils neuesten, dem Tagesgeschmack angepasste Erscheinungsform der »Soziologie der Freiheit applaudieren […] doch bietet sie auch einige der wirksamsten Mittel, um jene Freiheit zu erlangen, die sich den sozialen Determinismen mit Hilfe der Erkenntnis dieser sozialen Determinismen immerhin abringen lässt. (Bourdieu und Beister 2012, S. 9)


Bourdieu, Pierre; Beister, Hella (2012): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. 8. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 1985 = N.F., 985).

Den objektiven Beobachter gibt es nicht

Die Sozialwissenschaft muss nicht nur wie der Objektivismus mit der eingeborenen Erfahrung und der eingeborenen ´Darstellung dieser Erfahrung brechen, sondern außerdem in einen zweiten Bruch die mit der Position des »objektiven« Beobachters untrennbar verbundenen Voraussetzungen in Frage stellen. Der Interpretation der Praktiken verhaftet neigt dieser nämlich dazu, die Grundlagen seiner Beziehung zum Objekt in dieses einzubringen, was unter anderem durch den Vorrang belegt wird, den er in den Funktionen von Kommunikation und Erkenntnis einräumt und der ihn verleitet, Interaktionen auf rein symbolische Tauschvorgänge zu reduzieren. Erkenntnis hängt nicht nur, wie dies ein elementarer Relativismus lehrt, von dem besonderen Standpunkt ab, den ein »räumlich und zeitlich festgelegter« Beobachter zum Objekt bezieht; dies ist eine um so grundlegendere und schädlichere, weil für die Erkenntnisoperation konstitutive und damit zwangsläufig unerkannt bleibende Verfälschung der Praxis schon dadurch, dassman ihr gegenüber einen »Standpunkt« bezieht und sie damit zum Objekt von Beobachtung und Analyse macht. Wobei dieser souveräne Standpunkt nirgends leichter bezogen werden kann als von den besseren Plätzen des sozialen Raums, von denen sich die Sozialwelt wie ein von ferne und von oben herab betrachtetes Schauspiel, wie eine Vorstellung darbietet. (Bourdieu 2018, S. 52)
Bourdieu, Pierre (2018): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. 10. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1066).

Warum Soziologie

An dieses Potential des soziologischen Blicks erinnert werde ich so gut wie jeden Tag. Wann immer ich das Büro der eigenen Einrichtung betrete, schaut es mich an. Ein Foto Bourdieus mitsamt dem Nekrolog, der kurz nach seinem Tod 2002 in der taz erschienen ist, hängt hier seit Jahren an der Pinwand hinter meinem Schreibtisch. Bourdieu blickt mir von dort aus sozusagen über die Schulter. Kaum jemand, der das Büro betritt, nimmt Notiz davon. Seine Gesichtszüge sind den hier verkehrenden Familien in aller Regel nicht vertraut, und es gibt keinen Grund, den eigenen Bezug zu ihm und seinem Werk irgendjemandem aufzudrängen, auch wenn es mir immer gute Dienste geleistet hat und leistet. Manchmal, wenn es um die (kollektive) Reflexion der eigenen Arbeit, um pädagogische Fragen, solche der Teamentwicklung oder auch zu treffende Entscheidungen geht, befrage ich das Werk Bourdieus in Form eines inneren Dialogs, so wie wenn man am Grab der eigenen Eltern oder eines geliebten Menschen diese darauf hin befragt, welcher nächste Schritt unter gegebenen Bedingungen als bestmöglicher zu vollziehen sei. Nicht zuletzt hilft mir die Sozioanalyse auch dabei, der Subtilität des „Marktgeschehens“ gewahr zu sein und zu bleiben, handle es sich um Anfragen, Kontaktaufnahmen, Besichtigungen, den Abschluss von Verträgen, mithin auch im täglichen Umgang mit Kindern, Eltern und Personal. Dabei stimmt sie in hohem Maße versöhnlich, erlaubt sie es doch, eigene Spielräume und auch solche gesamtgesellschaftlicher Art zu erkennen, zu identifizieren und zu nutzen. Sie ermöglicht es, die Aufnahmepolitik des Trägers und der Einrichtung, für die ich tätig bin, und nicht zuletzt mich selbst unter allen angeführten Gesichtspunkten auf den Prüfstand und in Frage zu stellen. Als eine dem professionellen Habitus inkorporierte Metaperspektive trägt der soziologische Blick dazu bei, das eingangs thematisierte Paradoxon, wonach eigenen professionellen Praktiken ein objektiver Sinn innewohnt, der subjektive Absichten übersteigt, im Blick zu behalten; dies deshalb, weil er diese Praktiken in ihrer Einbettung in die dem Markt der frühkindlichen Bildung eingeschriebenen Gesetzmäßigkeiten erfasst. Auf diese Weise ermöglicht er es, diese eher untergründig wirksame Seite sozialen Sinns, anstatt sich ihr zu unterwerfen, einem Mindestmaß an kontrollierter Beherrschung zuzuführen. (Bröskamp 2017, S. 32)


Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33.

In Zeiten des zunehmenden Wahlkampfs…

Dass die politische Kommunikation mit moralischen Inhalten durchsetzt ist, kann man jeden Tage beobachten. Mit deftigen Ausdrücken wird, wenn man der Berichterstattung in Funk und Presse trauen darf, nicht gespart. Und offenbar tragen die Medien, die dies vorzugsweise aufgreifen, das Ihre dazu bei, den Eindruck entstehen zu lassen, dass politische Kultur eine Kultur der wechselseitigen Beleidigungen ist, die so deutlich gewählt sein müssen, dass sie jeder auch ohne besondere Vorbildung versteht. […] Besonders in Wahlkampfzeiten steigert sich dieses merkwürdige Phänomen, Man fühlt sich an einen Vergleich aus der Prinzessin Brambilla von E.T.A. Hoffmann erinnert; an de beiden Löwen, die mit solchem Grimm aufeinander losgehen und in wütendem Kampf einander auffressen, so daß am Ende nichts übrigbleibt als die beiden Schweife. Aber wer hätte Interesse daran, zwischen zwei Schweifen zu wählen? Das kann, wird man sagen, doch wohl nicht ernst gemeint sein. Aber es geschieht vor unseren Augen. Von Ehrlichkeit keine Spur. Es handelt sich, die Grünen vielleicht ausgenommen, nicht um einen Fall von moralischer Naivität, aber auch nicht eigentlich um moralischen Zynismus. Es geht auch nicht um eine »dialektische« Synthese von Naivität und Zynismus; denn bei Dialektik müsste man, Hegels Theorie folgend, Geist als Wirkstoff vermuten und Geist lässt sich in diesem Falle nun beim besten Willen nicht beobachten. Eher tippt man auf eine Art Geschäftigkeit im Ausdrucksmedium eines politischen Moralismus. Offenbar handeln Politiker unter der (berechtigten oder unberechtigten jedenfalls unüberprüfbaren) Zwangsvorstellung, daß die Wähler in der politischen Wahl nach moralischen Kriterien entscheiden. Dies steht in einem offenen Widerspruch zu eine Grundpostulat demokratischer politischer Systeme: daß der Wähler in der Lage sein soll, in der politischen Wahl zwischen den bisher regierenden und den bisher opponierenden Parteien zu entscheiden. Das erfordert dass die Wahl moralisch offengelassen wird, Jede Partei muss, wenn sie sich selbst als demokratisch vorstellen will, die Wählbarkeit anderen Parteien zugestehen. Es käme darauf an, bei moralischer Chancengleichheit das eigene Programm als politisch besser darzustellen oder in der jüngsten Geschichte politische Gründe für die Fortsetzung oder einen Wechsel im Amt ausfindig zu machen. (Luhmann und Horster 2016, S. 170)

Luhmann, Niklas; Horster, Detlef (Hg.) (2016): Die Moral der Gesellschaft. Orig.-Ausg., 4. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1871).

Ungleichheit und Pädagogik

„Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit […]. Die formale Gleichheit, die die pädagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung gegenüber der wirklichen Ungleicheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten, genauer gesagt, verlangten Kultur:“ (Bourdieu et al. 2006, S. 39)


Bourdieu, Pierre; Bolder, Axel; Steinrücke, Margareta (2006): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Unveränderter Nachdruck. Hamburg: VSA-Verlag (Schriften zu Politik & Kultur, ; 4).

Karriere

„Geht man stattdessen vom Paradox der Einheit des Verschiedenen aus und registriert man die Erfahrung, dass Prinzipien schneller wechseln als die Realitäten und sich in der Praxis als inkonsistent erweisen, rückt die Karriereorientierung in ein anderes Licht. Dann erscheint sie plötzlich als ein stabiles Moment, dass es sowohl den Individuen als auch den Organisationen ermöglicht, die Entscheidungskontingenzen der Organisationen zu ertragen und zu nutzen. Man geht dann von flexiblen Personen aus, die sich nicht mit bestimmten Ideen, Zielen, Projekten, Reformvorhaben identifizieren, sondern nur mit ihrer eigenen Karriere, das heißt von Personen, die alle möglichen Wechselfälle als Mitglieder von Organisationen überdauern werden; von Personen, denen eine Identifikation mit bestimmten Projekten nur zugeschrieben wird mit dem Ziel, sie in ihrer Karriere zu fördern bzw. auszuschließen. (Luhmann 2006, S. 102)


Luhmann, Niklas (2006): Organisation und Entscheidung. 2. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss.

Organisationsforschung

Ich finde es einfach ungerecht, daß man Vorgesetzte, die durch ihre Stellung ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet, die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen dagegen ohne jede Hilfe läßt. Dabei ist der Umgang mit Vorgesetzten gewiß nicht einfacher als der mit Untergebenen. Gewiß kann keine wissenschaftliche Analyse verhindern, daß der Untergebene hin und wieder vor seinem Vorgesetzten Angst bekommt. Aber sie kann ihn vielleicht so weit bringen, daß er imstande ist, aus seiner Angst die richtigen Schlüsse zu ziehen. Schließlich ein letztes Wort der Einführung: Es gibt für mein Thema keine einschlägige Literatur, keine empirische Forschung. Wahrscheinlich haben Untergebene gute Gründe darüber zu schweigen, wie sie ihre Vorgesetzten behandeln. Aber: Ich hoffe, Ihnen zeigen zu können, daß es im Bereich der allgemeinen soziologischen Organisationsforschung eine Reihe von Einsichten gibt, die sich für unser Thema auswerten lassen. Mir scheint deshalb, daß ich mit diesem Thema Ihnen zugleich einen Einblick vermitteln kann in das Potential einer ziemlich abstrakt, ziemlich theoretisch ansetzenden Organisationsanalyse, und das wäre mein drittes Motiv –mein Hauptmotiv –für diesen Vortrag. (Luhmann 2016)


Luhmann, Niklas (2016): Der neue Chef. 2. Auflage. Hg. v. Jürgen Kaube. Berlin: Suhrkamp.

Unterwachung

Unterwachung –das ist ein neues Wort, ein seltsames Thema. Daher zunächst einige Worte der Begründung, wie ich gerade darauf gekommen bin. Mein Berufsweg hat mich aus einem durch Vorgesetzte bestimmten Arbeitsbereich in ein nahezu vorgesetztenloses Dasein geführt. Dabei habe ich zu spüren bekommen, daß jetzt etwas fehlt. Nicht nur die starke Schulter, an der man sich gelegentlich anlehnen und ausweinen kann. Vorgesetzte sind für den Untergebenen nicht nur Schutz und Trost. Vielmehr sind sie ein wichtiges, vielfältig verwendbares Werkzeug bei der Durchsetzung von Plänen und Absichten. Wer ohne Vorgesetzte lebt, muß –sofern überhaupt aktiv –sich in vielen und weitverstreuten Beziehungen selbst durchsetzen. Wer einen Vorgesetzten hat, kann seinen Außenverkehr bei diesem konzentrieren, statt Kraft und Zeit auf viele, ständig wechselnde Querköpfe zu verschwenden, er kann Geist und Geschick sozusagen an einer Stelle konzentriert einsetzen und in die Beziehung zum Vorgesetzten etwas investieren, um aufgrund dieser Beziehung dann diese Potenz zu benutzen – ohne ihm damit notwendigerweise auch den Ärger abzunehmen. Natürlich konzentrieren sich mit den Chancen auch die Risiken. Manche Vorgesetzte erweisen sich als so unkooperativ, so schwierig oder auch so ungeschickt, daß es besser wäre, die Fäden selbst in die Hand zu nehmen. (Luhmann 2016)

Luhmann, Niklas (2016): Der neue Chef. 2. Auflage. Hg. v. Jürgen Kaube. Berlin: Suhrkamp.