Der Menschheit Würde…

Irgendwann, es ist schon eine Zeit her, die Proben fanden noch im Kinosaal am Waldschlösschen statt, kam der Chorleiter mit einem Packen neuer Noten. Eine Uraufführung. Uraufführungen, das heißt meistens, viel Üben, sperrige Noten, schwer gängige Notenfolgen, viel Eingewöhnenwollen und nicht immer schafft man es, ein Werk tatsächlich anzunehmen. Das Werk, es war ein Geschenk zum 50. Geburtstag der Philharmonischen Chöre. Und der Chorleiter erzählte, es sei ein Spruch am Kulturpalast gewesen, der als Inspiration dem Komponisten diente. Welcher Spruch?

Der Titel des Werkes: „Des Menschen Würde“. Jetzt war auch glasklar, welcher Spruch gemeint war. Am 5. Februar 2015 hing ein großes blaues Banner mit dem Schiller-Spruch am Baugerüst des Kulturpalastes Dresden. Es sollte ein Zeichen sein, wenige Tage später war eine große Pegida-Demonstration angekündigt, der 13. Februar stand bevor. Eine Mahnung sollte es sein. Dass es dieses Banner gab, dass es hing, dazu hatte ich einen kleinen Teil beigetragen.

Das Chorwerk war so sperrig wie befürchtet. Tonfolgen, die das Ohr herausforderten, die Stimme sowieso und das Taktgefühl erst recht. Manche Stellen klangen einfach nur wie ein aufgeregtes Durcheinander, Stimmengewirr. Es gab genau die Stimmung wieder, die zu der Zeit, als das Banner entworfen, und schließlich produziert und aufgehangen wurde, wieder. Eine Zeit, in der man ein Zeichen setzen aber Publikum nicht verprellen wollte. Diskutierte, ob man das überhaupt machen könne.

Nun, das Stück wurde uraufgeführt. Anlässlich des Geburtstages der Phhilharmonischen Chöre. 2017. Gemeinsam mit dem Jugend-Sinfonieorchesters des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Einmal – und nie wieder. Gewissermaßen vor internem Publikum, denn es kamen in der Hauptsache Anverwandte und Freunde derer, die auf der Bühne standen. Es gehört nicht zu den Stücken, die man gerne singt. Sicherlich auch nicht zu den Stücken, die man gerne hört. Es gibt Schöneres und Allgefälligeres. Aber darum geht es bei „Der Menschheit Würde“ auch nicht. Ins Programmheft und die Beschreibung fand der Spruch zwar Erwähnung, nicht aber seine Umstände. Insgesamt gesehen eine vertane Chance. Schade um die Arbeit des Komponisten, schade um die Probenarbeit, Schade um die Mühen.

Im Programm fand sich nur der Hinweis, dass das Werk „durch das Zitat von Friedrich Schiller inspiriert ist, das während der Bauphase lange Zeit weithin sichtbar am Kulturpalast angebracht war“. Nicht die Umstände, die es mehr als wert gewesen wären, zu erwähnen. Warum dieser Spruch hing. Hängen musste.

Eine der vielen vielen vertanen Chancen. Schade drum.

„Denn wir haben hie keine eigene Statt…“

Vier aufeinanderfolgende Abende in Chemnitz. Zwei Proben, zwei Konzerte. Brahms „Deutsches Requiem“. Gemeinsam mit der Robert-Schumann-Philharmonie unnd der Kantorei der Chemnitzer Kreuzkirche.

Irgendwann zwischen diesen Konzerten fügten sich Puzzleteile zu schon vorhandenen zu einem Bild. Einem Bild, dass dieser, mein Chor so gar nicht mehr gewollt ist, mehr Last, Pflicht, Aufwand ist als etwas Gutes, Bewahrenswertes.

Wer selbst singt oder musiziert, vielleicht in einem Chor, weiß, dass man auf der Bühne sehr mit sich allein ist und möglichst keine schweren Gedanken wälzen sollte. Das war in Chemnitz anders. Es gibt da diese wunderschöne Stelle, an der die Altistinnen einen so wunderbaren eigenen Part haben: „Denn wir haben hie keine eigene Statt“.  Es ist gut so, dass Brahms sein Requiem so traurig-tröstlich werden ließ.

Das Chemnitzer Publikum war so herzlich, es hat uns jeden Fehler verziehen. Und Fehler passieren immer. Es gibt solche Konzerte, da sind die Menschen auf der Bühne und die im Zuschauerraum eins. Sie sind selten, aber es gibt sie. Es gibt auch die Orchestermusiker, die dem Chor Freude am Konzert wünschen. Das ist nicht immer so. Mitunter liegen Welten zwischen Profis und Laien. Ein eigenes Thema.

Das Gute an einem Blog ist, man kann sehr viel damit anfangen. Es sind persönliche Geschichten. Und hier standen schon viele Geschichten. Über Kommunalpolitik, über städtische Haushaltspläne, über Schulnetzpläne, über Bildung und nun folgen meine Chorgeschichten. Weil ich glaube, dass solche Geschichten zu wenig erzählt werden, Vielleicht ein Grund für solche unschönen Puzzleteile, die aber nicht allein das Bild ergeben dürfen. Das Bild wäre falsch. Vielleicht ändern die Geschichten nichts an Tatsachen. Aber hoffentlich das Bild.