Den objektiven Beobachter gibt es nicht

Die Sozialwissenschaft muss nicht nur wie der Objektivismus mit der eingeborenen Erfahrung und der eingeborenen ´Darstellung dieser Erfahrung brechen, sondern außerdem in einen zweiten Bruch die mit der Position des »objektiven« Beobachters untrennbar verbundenen Voraussetzungen in Frage stellen. Der Interpretation der Praktiken verhaftet neigt dieser nämlich dazu, die Grundlagen seiner Beziehung zum Objekt in dieses einzubringen, was unter anderem durch den Vorrang belegt wird, den er in den Funktionen von Kommunikation und Erkenntnis einräumt und der ihn verleitet, Interaktionen auf rein symbolische Tauschvorgänge zu reduzieren. Erkenntnis hängt nicht nur, wie dies ein elementarer Relativismus lehrt, von dem besonderen Standpunkt ab, den ein »räumlich und zeitlich festgelegter« Beobachter zum Objekt bezieht; dies ist eine um so grundlegendere und schädlichere, weil für die Erkenntnisoperation konstitutive und damit zwangsläufig unerkannt bleibende Verfälschung der Praxis schon dadurch, dassman ihr gegenüber einen »Standpunkt« bezieht und sie damit zum Objekt von Beobachtung und Analyse macht. Wobei dieser souveräne Standpunkt nirgends leichter bezogen werden kann als von den besseren Plätzen des sozialen Raums, von denen sich die Sozialwelt wie ein von ferne und von oben herab betrachtetes Schauspiel, wie eine Vorstellung darbietet. (Bourdieu 2018, S. 52)
Bourdieu, Pierre (2018): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. 10. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1066).

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